Dass es keine „Weihnachtsdepression“ im krankhaften Sinne einer affektiven Störung gibt, registrieren die Allgemeinheit (und die Medien?) immer wieder mit ungläubigem Staunen. Man muss aber auch immer wieder darauf hinweisen, um auf einen wichtigen Unterschied aufmerksam zu machen: Eine Depression ist eine seelische Krankheit, die sich vor Weihnachten - jedenfalls statistisch gesehen - nicht häufiger feststellen lässt. Unverändert wichtig wäre es allerdings das ganze Jahr und während der Weihnachtszeit verstärkt auf Ältere, Alleinstehende, vor allem Verwitwete und Geschiedene zu achten sowie auf Kranke ohne Hoffnung, die niemand besucht. Oder kurz: Vereinsamte, Verlassene, vor allem die Stillen und still Gewordenen. Das war das Thema eines eigenen Kapitels.
Dagegen sind jahreszeitlich abhängige Veränderungen von Stimmung, Antrieb und sogar Organfunktionen seit alters her bekannt und schon in der Antike beschrieben. Dies gilt vor allem für den „Einbruch der Stimmung“, bis hin zu ausgeprägten Depressionen, wie sie bevorzugt in diese Jahreszeit fallen sollen.
Statistisch ist dies allerdings ebenfalls zu korrigieren. Denn je nach Art der Depression sind es vor allem Frühling und Herbst, die insbesondere die biologisch mitbestimmten Depressionen (früher endogene Depressionen genannt) auszulösen pflegen. Erst danach kommen Spätherbst und Winter und an letzter Stelle der Sommer.
Die leichteste, gleichsam die alltägliche Form der Beeinträchtigung von Seele, Geist und Körper, die so genannten Befindlichkeits-Schwankungen, lassen sich nach Jahreszeit wie folgt festlegen:
Mai und Juni sind „Stimmungs-Spitzenreiter“. Dort geht es der Mehrheit am besten. Juli und August zeigen manchmal schon einen angedeuteten Stimmungs- und Aktivitätsrückgang, wahrscheinlich am ehesten durch Hitze bzw. Schwüle bedingt. September und Oktober scheinen - je nach Untersuchung - unterschiedliche Meinungen auszulösen: Bei den einen setzt sich dieser „Niedergang“ kontinuierlich fort, bei den anderen gibt es eine Art „herbstlichen Aufschwung“, besonders wenn es sich um einen „goldenen Herbst“ handelt. Der November schließlich ist für viele der Beginn der „klimatisch-psychologisch unerfreulicheren Zeit“. Das bessert sich auch nicht im Dezember, Januar und Februar, wird eher noch schlechter - trotz Weihnachten, Silvester und Fasnacht. Im März hingegen geht es wieder aufwärts; im April deutlich, um im Mai und Juni - wie erwähnt - den Höhepunkt zu erreichen. Dies alles im statistischen Durchschnitt und unter der Voraussetzung, dass die jeweiligen Jahreszeiten auch den üblichen Vorstellungen entsprechen (was seltener zu werden scheint).
Wenn es sich aber um keine Befindlichkeitsstörungen, sondern um so genannte saisonal abhängige Depressionen oder saisonal rezidivierende depressive Störungen handelt, dann geht es um folgende Stimmungskurve:
Am günstigsten wiederum im Mai, Juni, Juli und August. Ab September beginnender Abfall über die Monate Oktober, November(!) und Dezember und vor allem Januar hinweg. Im Februar meist „Stimmungs-Erholung“, und zwar kontinuierlich über März, April bis zum Mai.
So jedenfalls bisher, was sich allerdings je nach meteorologischem Jahres-Verlauf und vor allem im offenbar drohenden allgemeinen Klima-Wandel durchaus ändern könnte.
Wie äußert sich nun eine so genannte Herbst-/Winterdepression, wie sie inzwischen im Schnitt jeden Zehnten in der Allgemeinbevölkerung treffen soll - Frauen deutlich häufiger und dabei - interessanterweise - nicht zuletzt die „besten Jahre“?
Die wichtigsten Symptome sind Müdigkeit, sozialer Rückzug, verstärkter Appetit, insbesondere auf kohlenhydrat-haltige Nahrung und damit Gewichtszunahme sowie eine verlängerte, aber unerquickliche Schlafzeit. Was heißt das im Einzelnen?
Am häufigsten wird über eine verminderte Aktivität geklagt, ausgelöst durch eine ständige Müdigkeit oder konkreter: eine undefinierbare Mattigkeit bzw. Energielosigkeit bis Schwäche (nicht allerdings das für schwere Depressionen charakteristische Elendigkeitsgefühl). Hier fallen dann auch manchmal die Fachbegriffe „Tagesmüdigkeit“ oder „chronisches Müdigkeits-Syndrom“, zwei Belastungs-Phänomene, die möglicherweise in der dunklen Jahreszeit auch durch eine Winter-Depression erklärt werden könnten.
So gut wie immer beklagt, wenngleich nicht unbedingt am stärksten belastend, ist eine Niedergeschlagenheit, die man eher als resigniert-schwunglos-deprimiert bezeichnen sollte, manchmal auch als ängstlich-deprimiert.
In diesem Zusammenhang wird auch oftmals zugegeben, dass man „irgendwie“ unzufriedener, missgestimmter, sensibler, leichter verletzlich, ja missmutig, „schlecht gelaunt“, „mürrisch“, reizbar bis aggressiv zu werden droht. Das ist dann eine psychosozial besonders beeinträchtigende Seite dieses Leidens, bleibt sie doch in der Regel nicht ohne Folgen (wobei man allerdings nicht jede schlechte Laune einer Winter-Depression zuschieben sollte).
Ein auf eigene Art ärgerlicher, ja frustrierender, wenngleich letztlich nicht so „tragischer“ Aspekt ist der Appetit. Er gilt zwar nicht als Entscheidungskriterium (das ist der jahreszeitliche Ausbruch, nämlich Herbst und Winter), beeinträchtigt aber so gut wie immer. Und hier vor allem im Gegensatz zu den sonst gängigen Depressions-Formen eine Appetit-Zunahme. Üblicherweise verunsichern die Depressionen mit Appetitlosigkeit und Gewichtsabfall, in der Regel mehrere Kilogramm. Das ist nebenbei ein Symptom, das noch am ehesten toleriert wird, bringt es den Betroffenen doch wenigstens seinem Normalgewicht näher. Bei der Winter-Depression aber ist es umgekehrt. Hier bleibt ein Kohlenhydrat-Heißhunger, vor allem auf Süßigkeiten, Teigwaren usw. nicht ohne Folgen (was manchmal eine zusätzliche Beeinträchtigung der Stimmungslage auslöst).
Und ein weiteres Krankheitszeichen äußert sich geradezu im Gegensteil: der Schlaf. Man weiß: Der Depressive kann nicht schlafen, der Maniker in seiner krankhaften Hochstimmung braucht nicht zu schlafen, aber beiden tut dieses Schlaf-Defizit auf Dauer nicht gut. Ein Depressiver mit Winterdepression hingegen kann schlafen, und zwar mehr als in gesunden Tagen. Allerdings wird dieser Schlaf als nicht so erquicklich und gemessen am Schlafquantum als wenig ergiebig bezeichnet. Interessanterweise vergleichen viele Patienten diesen Zustand ohnehin mit einer Art „Winterschlaf“.
Auch die Libido ist manchmal vermindert (man spricht von der Hälfte bis Dreiviertel aller Betroffenen, die über eine Einbuße an sexueller Aktivität berichten).
Schließlich häufen sich auch in psychosozialer Hinsicht jene Probleme, die in der übrigen Jahreszeit keine so große Rolle spielen sollen, jedenfalls auf den ersten Blick: meist zwischenmenschlich, d. h. partnerschaftlich, familiär, nachbarschaftlich und nicht zuletzt am Arbeitsplatz (wo man sich in der Regel die meiste Mühe gibt, seelische Belastungen möglichst nicht „durchschlagen“ zu lassen). Man sitzt natürlich im Winter auch räumlich näher aufeinander, kommt nicht so oft raus.
Was kann man tun?
Grundsätzlich sinnvoll ist ein täglicher „Gesundmarsch“ bei Tageslicht (auch vorbeugend nützlich!), und zwar nicht unter einer halben Stunde und zumindest ab den mittleren Lebensjahren als Stick- oder Nordic-Walking mit zwei Wanderstöcken (Gelenk-Entlastung, höhere Aktivitäts-„Ausbeute“). Alte Mediziner-Erkenntnis: 100 Schritte pro Minute, mindestens 5-mal pro Woche.
In mittelschweren Fällen ggf. eine Lichttherapie (allerdings unter fachärztlicher Kontrolle und nicht - wie immer häufiger - als Selbst-Behandlungsversuch).
Und wenn eine medikamentöse Therapie notwendig wird (was grundsätzlich nur der behandelnde Arzt zu entscheiden und weiterhin zu betreuen hat!), dann wohl zuerst der Versuch mit Johanniskraut (bis zu 900 mg pro Tag, also nicht in eigener Dosierung aus dem Drogerie-Markt), da dieses stimmungsaufhellende Pflanzenheilmittel bekanntlich eine sehr gute Licht-Ausbeute hat (was übrigens auch einmal bis zur lästigen Arzneimittel-Nebenwirkung ausufern kann). Und wenn dies nichts bringt, dann ein so genanntes synthetisches Antidepressivum, wobei der Hausarzt in der Regel den Rat eines Facharztes, also eines Psychiaters oder Nervenarztes in Anspruch zu nehmen pflegt.
Das Wirkungsvollste, auch zur Vorbeugung, ist aber der erwähnte Gesundmarsch bei Tageslicht. Regelmäßige(!) körperliche Aktivität besitzt an sich schon eine gewisse stimmungsaufhellende, angstlösende und entspannende Wirkung. Dies vor allem ab den mittleren Lebensjahren und dann bis ins hohe Alter hinein. Bekannt ist ja der psychische Kurzzeit-Effekt von etwa zwei bis drei Stunden, der sich später wieder zu verflüchtigen beginnt. Gut ansprechen sollen dabei vor allem leichtere bis mittelschwere depressive Zustände (schwer erkrankte Depressive sind oft kaum für eine ausreichende körperliche Aktivität zu bewegen), was sich sogar vorbeugend nutzen lässt. Und hier insbesondere die erwähnten Stimmungstiefs in der dunklen Jahreszeit. Denn ein mindestens einstündiger „Gesundmarsch bei Tageslicht“ bringt mehr „Licht-Therapie“ als jede künstliche Licht-Behandlungsmaßnahme, wobei die körperliche Aktivität noch einen Stimmungs-Schub zusätzlich bedeutet.
Wer erst später damit beginnt, kann trotzdem noch daraus Nutzen ziehen. Wer schließlich damit aufhört, muss trotz früherer Aktivität mit entsprechenden Beeinträchtigungen rechnen - und zwar Jahr für Jahr ab Herbst/Winter bis zum Frühjahr. So einfach ist das in der Natur - wenn man es nur begreifen würde.