Wir leben im Zeitalter der Angst, heißt es. Ob das wirklich stimmt, sei dahingestellt. Jedenfalls scheint die Angst neben den Depressionen jene seelische Störung zu sein, die die Menschen derzeit am meisten beschäftigt. Tatsächlich gehören die Angststörungen zu den häufigsten psychischen Leiden. Sie neigen dazu, sich fortschreitend zu verschlimmern und werden trotzdem oftmals zu spät erkannt und nur unzureichend behandelt.
Allerdings ist Angst nicht gleich Angst und geht von der angemessenen „normalen“ Angst (besser als Furcht oder Befürchtung bezeichnet) über Angststörungen auf körperlicher und seelischer Grundlage bis zu den so genannten primären Angsterkrankungen.
Die Angst ist also so alt wie die Menschheit. Das betrifft auch die „Angst vor den anderen“. Beschrieben wurde sie schon vor 2.000 Jahren. Jetzt zeichnet sich offenbar eine ungewöhnliche Zunahme ab. Vielleicht wird man aber auch erst jetzt so richtig auf diese Störung aufmerksam. Auf jeden Fall hat die „krankhafte Schüchternheit“ inzwischen einen wissenschaftlichen Namen, nämlich Sozialphobie oder soziale Phobie bzw. soziale Angststörung. Früher gehörte sie zu den Neurosen, die in den modernen psychiatrischen Klassifikationen in dieser Form nicht mehr auftauchen.
Wie äußert sich die Sozialphobie?
Soziale Phobien sind eine Situationsangst mit nachfolgendem Vermeidungsverhalten, d. h. letztlich Rückzug und Isolation. Die Angst lässt sich zwar nicht begründen, dafür wird sie aber besonders exzessiv erlebt, vor allem wenn man sich aus eigener Kraft davon lösen will.
Sie bezieht sich stets auf Handlungen, und zwar noch so banale, die sich unter den Augen von Dritt-Personen abspielen, die das Verhalten nicht nur beobachten, sondern möglicherweise auch kritisieren könnten.
Ängste vor Examina, öffentlichem Auftreten usw. sind normal. Bei der Sozialphobie zermürben jedoch Alltäglichkeiten, nämlich Partys, Einladungen, Restaurantbesuch, Freunde, vor allem aber Fremde, insbesondere das andere Geschlecht. Also die Angst in Gegenwart anderer das Wort ergreifen, essen, trinken, schreiben, telefonieren, ein Geschäft, ein Büro usw. betreten (zu müssen).
Wie häufig ist die krankhafte Schüchternheit konkret? Man weiß es nicht. Die Vermutungen streuen von 1,7 bis 16 % in der Allgemeinbevölkerung. Ein Mittelwert scheint realistisch.
Wen und wie trifft es vor allem?
Die Mehrzahl beginnt in jungen Jahren, d. h. in einer besonders verwundbaren Lebensphase. Frauen scheinen öfter betroffen (oder äußern sich einfach offener). Bezüglich Zivilstatus pflegen unverheiratete, geschiedene, getrennt oder sonst (wieder) allein lebende Menschen anfälliger zu sein (Ursache oder Folge?).
Der Verlauf ist meist chronisch, seltener wellenförmig. In günstigsten Fall gibt es eine spontane Besserung durch „Nachreifung der Persönlichkeit unter der erzwungenen Exposition im realen Leben“, wie die Fachleute es ausdrücken. Meist kommt eine Krankheit zur anderen (so genannte Co-Morbidität).
Am ehesten belasten zusätzliche Angststörungen, ferner Depressionen, vor allem aber Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit (entgleiste Selbstbehandlungsversuche?). Die Selbsttötungsgefahr ist nicht gering.
Am auffälligsten sind die wirtschaftlichen Konsequenzen: Menschen mit einer Sozialphobie sollen öfter als Gesunde am Arbeitsplatz fehlen und drei Mal häufiger arbeitslos sein.
Psychologische Aspekte
Warum fielen Sozialphobiker bisher kaum auf? Das liegt an der Wesensart dieses Leidens. Wer, wenn nicht ein „menschen-ängstlicher“, völlig verschüchterter und sich immer mehr zurückziehender Mensch macht die Diagnose so schwer wie hier? Es liegt in der Natur der Sache, dass ein schüchterner Mensch auf keinen Fall auffallen will, auch nicht beim Arzt. Am liebsten wäre es ihm, wenn er sich unsichtbar machen könnte. Meist hält er sich im Hintergrund, ergreift selten oder nie das Wort, ist für die anderen in der Tat kaum mehr vorhanden. Schüchterne werden also oft übersehen - und damit bleibt auch das Ausmaß ihres Leidens unerkannt, ganz gleich, ob die ohnehin schwer definierbare Grenze zwischen Schüchternheit und Sozialphobie inzwischen überschritten ist oder nicht.
Nur ein geringer Teil verhält sich „auffällig“. Solche Menschen wirken dann nicht nur schüchtern, sondern demonstrativ „distanziert“, zurückweisend, ja ablehnend, in seltenen Fällen sogar feindselig (alles natürlich Fehl-Interpretationen). Auf jeden Fall vermeiden sie Blickkontakt, sprechen wenig, stottern sogar bisweilen, haben immer Ausreden, sich „nicht unters Volk mischen zu müssen“, geschweige denn an geselligen Veranstaltungen teilzunehmen.
Die Mehrheit ist also offensichtlich „privat krankhaft schüchtern“. Doch keiner ahnt, welche Kraft es die Betroffenen kostet, einen harmlosen zwischenmenschlichen Kontakt, ein Gespräch, Menschen-Ansammlungen oder Veranstaltungen durchzustehen. Kaum droht sich die Aufmerksamkeit auf sie zu richten, überschwemmen sie die wildesten Ängste: Wie sehe ich aus? Wie komme ich an? Bin ich gut genug? Werde ich akzeptiert? Wie beurteilen mich die anderen? Hoffentlich mache ich nichts falsch, blamiere mich nicht bis auf die Knochen?
Körperliche Folgen
Nach und nach drohen auch vegetative Reaktionen: Blutdruckanstieg, roter Kopf, Herzrasen, Schweißausbrüche, Händezittern, sogar Übelkeit, Schwindel, Drang zum Wasserlassen, Kopfdruck, Atem-Enge, Muskel-Verspannungen usw.
Jetzt muss der Betroffene nicht nur gegen seine Ängste, sondern auch noch gegen seinen eigenen Organismus ankämpfen. Das kostet viel Kraft und Energie - und im Laufe der Zeit fehlen dann die Reserven.
Was kann man tun?
Trotzdem sind viele Betroffene nicht davon überzeugt, dass sie krank sind oder gar in ärztliche Behandlung sollten. Und selbst wenn sie in Not sind, können sie sich nicht vorstellen, dass sie von einer Therapie profitieren könnten. Sie denken, ihr ängstlich-scheues Verhalten sei ein normales Phänomen, für das man selber verantwortlich ist und das man nicht ändern kann, halt schüchtern.
Dazu kommt natürlich auch die Angst vor der Stigmatisierung und dem Begriff „psychisch gestört“, weil man so etwas ja auch heute oftmals mit einer Psychose, einer „Geisteskrankheit“ gleichsetzt. Und hier fühlt sich ein selbst krankhaft Schüchterner dann doch falsch eingestuft.
Glücklicherweise gibt es gerade bei der Sozialphobie für die so wichtige Vorbeugung, spätestens aber möglichst frühe Therapie nicht nur psychotherapeutische (vor allem verhaltenstherapeutische), sondern auch pharmakotherapeutische Möglichkeiten. Denn gerade die Angststörungen, zu denen ja die Sozialphobie zählt, sprechen im Rahmen eines Gesamt-Behandlungsplanes gut auf bestimmte antidepressive Medikamente an.
Deshalb sollte man sich so rasch als möglich seinem Arzt anvertrauen, selbst wenn man der Meinung ist, Schüchternheit sei halt ein Schicksalsschlag und keine Krankheit. Die Entscheidung über die Diagnose und vor allem die notwendige Therapie wird dann in der Regel in Zusammenarbeit mit einem Psychiater getroffen - je früher, desto besser.