Ein neuer Begriff verbreitet sich immer öfter in den Medien: posttraumatische Belastungsstörung bzw. -reaktion. Das sind die seelischen, körperlichen und psychosozialen Folgen von Extrembelastungen, die sich nicht nur im Krieg oder bei Geiselnahme, sondern auch immer häufiger im Alltag finden. Um was geht es? Und vor allem: was kann man als Opfer dagegen tun?
Nichts ist neu, schon gar nicht in der Psychiatrie, der Seelenheilkunde. Auch die Folgen von Extrembelastungen - seien es Krieg, Gewalt im Zivilleben oder Naturkatastrophen - sind seit Menschengedenken bekannt. Eindrucksvolle Schilderungen kennt man schon seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Begriff der „Schreckneurose“, wie man es damals nannte, ist über 100 Jahre alt.
Doch warum kommt man erst jetzt auf dieses Thema zurück, Betroffene hat es schließlich seit jeher gegeben? Das geht vor allem auf die US-amerikanische Forschung bzw. die entsprechenden Kriege in Korea und insbesondere Vietnam zurück. Später erinnerte man sich auch zunehmend an zivile Opfer durch Extrembelastungen, denen die diagnostischen und therapeutischen Erkenntnisse der Militär-Psychiater und -Psychologen natürlich ebenfalls zugute kommen.
Welches sind die häufigsten Extrembelastungen?
Zahlenmäßig am häufigsten sind Krieg, Terrorismus, Vertreibung und Flucht. Aber auch individuelle Gewalteinwirkungen sollten nicht unterschätzt werden: Überfall, Entführung und Geiselnahme, Folterung, sexueller Missbrauch und Vergewaltigung. Und natürlich Verkehrsunfälle im Straßen-, Schiffs- und Bahnverkehr, Nuklear-, Chemie- und Elektrounfälle sowie Naturkatastrophen. Zu Letzteren zählen Wirbelstürme, Brände, Blitzschlag, Dammbrüche oder sonstige Überschwemmungen, Lawinen, Gebirgsunfälle und Erdbeben. Die sind übrigens unter den Naturkatastrophen besonders verunsichernd, weil sich das scheinbar festeste und sicherste Element, der Erdboden unter mir, als unverlässlich, ja als lebensbedrohend erweist (siehe das spezielle Kapitel). Immer häufiger werden auch schwere körperliche und seelische Belastungen zur Diskussion gestellt: Verbrennungen, Herzinfarkt oder -stillstand, Hirnschlag, Schock, schwerste Schmerzzustände, Verätzungen, Verstümmelungen u. a. Dies auch bei anderen (vor allem nahe stehenden) Personen. Manchmal auch der unerwartete Anblick eines toten Körpers oder Körperteils.
Reagiert jedes Opfer gleich?
Natürlich reagiert nicht jedes Opfer gleich. Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen gibt es Unterschiede in der Art der Belastung. Wichtig ist auch ob überraschend oder halbwegs erwartet. Und schließlich hängt vieles von der Ausgangspersönlichkeit, von Alter, Geschlecht, Dauer und vor allem der Regenerationsmöglichkeit ab. Wer sich zwischen mehreren (Extrem-)Belastungen nicht mehr erholen kann, verschleißt seine seelisch-körperlichen Reserven noch schneller und verschlechtert damit langfristig seine Heilungsaussichten.
Welches sind die wichtigsten Krankheitszeichen?
Das Leidensbild der posttraumatischen Belastungsstörung ist nicht nur zermürbend, sondern auch verwirrend vielfältig. Vor allem sieht man es den meisten gar nicht an, sie leiden „nur“ innerlich. Viele lassen überhaupt nichts raus, da sie ohnehin nicht erwarten, auf Verständnis zu treffen, besonders langfristig. Es ist wie bei der Trauerreaktion. Ein kurz aufwallendes Mitgefühl der Umgebung, dann aber soll sich der Betroffene wieder rasch zusammennehmen, damit er die anderen nicht unnötig belastet.
Im Allgemeinen kommt es - nachdem die erste Schreck- oder Schockreaktion abgeklungen ist - zu einem Verlust an Lebensfreude, an Interesse, Aktivität, Initiative und Kreativität. Alles scheint wie weggeschmolzen. Dann „beißt“ sich regelrecht ein ständiges, fast zwanghaftes Wiedererinnern mit ängstlicher Unruhe, Anspannung und Erregungsbereitschaft fest. Außerdem zermürben Schlafstörungen; und wenn Schlaf sein darf, dann Angstträume.
Manchmal entsteht auch das Gefühl, als ob sich das belastende Ereignis gerade wiederholt, bisweilen nur aufgrund eines belanglosen Auslösers aus der Umgebung oder durch reine Vorstellung. Daraus resultiert dann ein entsprechendes Vermeidungsverhalten mit Rückzug und Isolationsgefahr. Schließlich droht eine zunehmende Leistungseinschränkung, d. h. man kann seine Aufgaben nur noch mit größter Anstrengung bewältigen.
Der Endzustand ist von einer eigenartigen Schwermütigkeit geprägt, die allerdings wenig mit einer „klassischen Depression“ zu tun hat. Es handelt sich mehr um eine „heimlich anfressende Resignation“, eine Art gemütsmäßige Betäubung bis Erstarrung, die der Umgebung eigentlich nur durch schwindende Anteilnahme an der Umwelt auffällt. Dazu drohen Zwangsgedanken, Merk- und Konzentrationsstörungen, ja Vergesslichkeit und zahlreiche psychosomatisch interpretierbare Beschwerden ohne organische Ursache: Missempfindungen oder gar Schmerzen im Bereich von Kopf, Herz, Kreislauf, Magen-Darm, Wirbelsäule, Gelenken u. a.
Was die Umgebung vor allem mitbekommt ist eine bisher unbekannte Übererregbarkeit im Sinne übersteigerter Wachsamkeit, Anspannung, Nervosität und Schreckhaftigkeit. Und plötzliche Angstattacken, ggf. vielleicht sogar aggressive Durchbrüche - ohne Grund, jedenfalls nicht nach außen nachvollziehbar.
Das leitet einen Teufelskreis ein. Denn wer lässt sich so etwas gefallen, wenn er nicht weiß, auf was es zurückgeht. Und selbst diejenigen, die die Ursache kennen oder ahnen, sehen nicht ein, hier als „stellvertretende Prügelknaben“ den Kopf für etwas hinzuhalten, was sie nicht verschuldet haben. Auf jeden Fall weiß niemand mit dieser Situation adäquat umzugehen, auch der Betroffene nicht, der sich selber immer fremder wird.
Belastungsreaktion oder Belastungsstörung?
Vom Verlauf her unterscheidet man die kurz- bis mittelfristige posttraumatische Belastungsreaktion und die längerfristige Belastungsstörung, die ein halbes oder ganzes Leben ruinieren kann.
Zu den Einflussfaktoren, die die Dauer des Leidens mitbestimmen, gehört auch die Frage: Ist es eine Natur- oder technische Katastrophe, mit der man offenbar besser fertig wird? Oder ist der Auslöser „man made“, wie der Fachausdruck heißt, also von Mensch zu Mensch? Letzteres führt besonders nachhaltig zum Verlust des Vertrauens in den Mitmenschen schlechthin - und hat ernste langfristige Folgen.
Was kann man tun?
Die Betreuung oder gar Behandlung einer posttraumatischen Belastungsreaktion bzw. -störung ist eine schwere Bürde, viel schwieriger, als sich die meisten vorstellen, selbst wenn sie (anfangs) guten Willens sind. Vor allem braucht es Geduld und Verständnis, und zwar über längere Zeit. Die Entscheidung trifft der Betroffene, und nicht einmal er selber, sondern sein Zustand, dem er ja hilflos ausgeliefert ist.
Zu den scheinbar banalen, aber sinnvollen Selbst-Behandlungsempfehlungen gehört besonders die Bewegung in jeder Form, also nicht nur „gegen-gehen-gehen“, sondern auch „reden-reden-reden“. Das kann den gefürchteten inneren Stau (psychomotorische Blockierung) abbauen helfen.
In schwereren Fällen bedarf es aber einer stützenden psychotherapeutischen Behandlung, zu der notfalls auch Medikamente kommen dürfen, vor allem gegen Schlafstörungen, innere Unruhe, Schreckreaktionen und Depressionen. Aber auch hier muss der Therapeut oft stellvertretend aushalten, was das Opfer in seiner Verzweiflung als „beispiellose Ungerechtigkeit“ beklagt: Warum gerade ich? Das ist nicht einfach, das braucht Erfahrung und Nerven.
Posttraumatische Belastungsstörungen sind so alt wie die Menschheit. Aber erst jetzt nimmt man zur Kenntnis, was die Opfer auszuhalten hatten, über Jahrtausende hinweg. Dann soll es wenigstens jetzt denjenigen besser ergehen, die es heute trifft. Hier sind wir jedoch alle angesprochen. Posttraumatische Belastungsstörungen gibt es häufiger, als man ahnt.