Stand 06.07.2018
Chronische Müdigkeicht
Ungesunde Lebensweise –
Schlafdefizit – körperliche Ursachen (Tumore, hämatologische
Grunderkrankungen, endokrine Leiden, aber auch Übergewicht) –
neurologische Ursachen (Krampfanfälle, Schädel-Hirn-Trauma,
Hypersomnie, Schlaf-Apnoe) – weitere Erkrankungen ((HNO-, augen-
und hautärztlich etc.) – sedierende Arzneimittel – seelische
Ursachen (Depression, Suchtkrankheiten, Persönlichkeitsstörungen,
Psychosen) – Wetter und Klima – Alter – chronisches
Müdigkeitssyndrom – CFS – Stress – Persönlichkeitsstruktur – u.a.m.
Die Klage über rasche Ermüdbarkeit bis hin zur chronischen
Tagesmüdigkeit hört man immer häufiger. Dabei weiß jeder: Unsere
Vorfahren hatten mehr Grund dazu. Wer 10 bis 12 Stunden auf dem Feld
schuftet, weiß wirklich was Müdigkeit ist. Ist das aber, was heute
nach 7 bis 8 Büro-Stunden ermüdet, nicht auch eine natürliche
Müdigkeit? Letztlich schon, nur der Grund ist ein anderer: Unsere
Vorfahren hatten mehr „Arbeit“ im eigentlichen (körperlichen) Sinne
zu verkraften, wir mehr Stress.
Woher kommt die „moderne“ Tagesmüdigkeit?
- Der häufigste Grund, den aber niemand ernst nimmt, ist
unsere ungesunde Lebensweise: Es beginnt mit dem
fortlaufenden Schlafdefizit (wir schlafen heute eine halbe bis
ganze Stunde weniger als unsere Vorfahren), geht über den
unkritischen Konsum von Genussmitteln, hat seinen Höhepunkt im
hektischen Berufsalltag und ist bei unklugem Freizeitverhalten
(mangelhafte Regenerationsphasen) noch immer nicht zu Ende.
- Müdigkeit kann aber auch körperliche und seelische
Krankheits-Ursachen haben. Beispiele:
- Auf internistischer Seite Tumore, hämatologische
(Blutbild-) Grunderkrankungen, endokrine Leiden (z. B.
Unterfunktion der Schilddrüse, schlecht eingestellter Diabetes),
aber auch Übergewicht u. a.
- Die Neurologen warnen vor allem von unerkannten
(nächtlichen) Krampfanfällen, den Folgen von
Schädel-Hirn-Unfällen, zahlreichen Hypersomnie-Formen
(krankhaftes Zuviel an Schlaf) und dem Schlaf-Apnoe-Syndrom, das
ständig zunimmt und in seiner Gefährlichkeit unterschätzt wird.
- Aber auch andere medizinische Disziplinen führen
weitgehend unbekannte Müdigkeitsursachen an: die Orthopäden
(chronische Schmerzbilder durch Wirbelsäulen- und Gelenkleiden),
die HNO-Ärzte (chronischer Tinnitus), ja sogar die Augenärzte
(Sehstörungen) und Hautärzte (chronische Hautleiden,
beispielsweise Juckreiz).
- Und allen gemeinsam ist die Nebenwirkung „Sedierung“
durch entsprechende Arzneimittel (nicht zuletzt durch
Psychopharmaka).
- Am häufigsten aber muss auf seelische Ursachen
geachtet werden. An erster Stelle Depressionen (von denen die
wenigstens rechtzeitig erkannt und gezielt behandelt werden),
gefolgt von neurotischen Störungen (heute vor allem im Bereich der
Somatisierungs- und somatoformen Störungen, also psychosomatisch zu
suchen), aber auch bei den Suchtkrankheiten, den
Persönlichkeitsstörungen und Psychosen („Geisteskrankheiten“).
- Nicht zu unterschätzen sind auch Wetter und Klima.
Tatsächlich schlagen vor allem meteorologische Belastungen dort zu
Buche, wo jemand einen körperlichen oder seelischen Schwachpunkt
hat (was u. a. jeder Rheuma-Kranke und Depressive bestätigen kann).
Besonders problematisch aber ist die Schwüle, d. h. hohe Temperatur
verbunden mit hohem Wasserdampfgehalt der Luft. Wer das nur im
Urlaub zu verkraften hat, kann sich dann zu Hause wieder erholen.
Extrem schwüle Sommer können aber einer dafür nicht
dauer-trainierten Bevölkerung zu schaffen machen. Das Gleiche gilt
für zeitlich untypische Witterungslagen, die den Gewöhnungsfaktor
des Organismus überfordern.
- Eine häufige Klage ist die chronische Müdigkeit im
Alter, treffender als „Dauer-Mattigkeit“ umschrieben. Sie beginnt
in der Regel schon während der Wechseljahre (wobei es auch ein
Klimakterium des Mannes gibt, das wird gerne vergessen, wenn auch
zeit-verschoben), verstärkt sich in den kommenden Jahren und wird
schließlich zum geradezu alters-typischen Syndrom: ständig müde,
matt, rasch erschöpfbar, antriebs-gemindert und schwunglos (wobei
auch die psychischen Begleitsymptome: überdrüssig, resigniert,
gereizt, ängstlich-deprimiert u. a. mit berücksichtigt werden
müssen). Das kann viele Gründe haben.
Einer der wichtigsten aber ist gar keine echte Ursache,
sondern nur zeit- und gesellschafts-typisch aufgebauscht. Denn wir
leben in einer Epoche, die „zunehmend an Fahrt gewinnt“, nicht
zuletzt werbe-psychologisch und wirtschaftlich angeheizt. So etwas
nennt man zwar aktiv, dynamisch, innovativ, produktiv, auch wenn es
in Wirklichkeit unersättlich, ruhelos, getrieben, hektisch und
riskant ist.
Chronisches Müdigkeitssyndrom
Nun ist die Müdigkeit zwar ein Thema, das schon die alten
Chinesen, Griechen und Römer beschäftigt hat (z. B. Cicero), gewann
aber im 19. Jahrhundert zunehmend an Interesse (Neurasthenie =
Nervenschwäche) und bekam in den letzten Jahrzehnten vor allem durch
die Frage neuen Schub: Spielt bei chronischer Müdigkeit nicht auch
eine spezifische Virus-Infektion eine Rolle? Das konnte bis jetzt
nicht schlüssig beantwortet werden und dominiert deshalb in
Wissenschaft und Medien kontinuierlich die Schlagzeilen.
- Trotzdem ist das chronische Müdigkeitssyndrom
(chronic fatigue syndrome - CFS) in vielen Fällen eine Realität,
und zwar eine bittere. Nach langen Diskussionen setzt sich deshalb
die Erkenntnis durch: Hier handelt es sich um ein komplexes
Beschwerdebild, dem wahrscheinlich mehrere und vor allem ganz
unterschiedliche Faktoren zugrunde liegen. Beispiele:
- Postinfektiös durch bakterielle oder virale Infektionen.
- Seelisch und psychosozial verursacht, wobei die Gründe
von der reinen Erschöpfung bis zur schweren Depression reichen
können.
- Das chronische Müdigkeitssyndrom mit Schwerpunkt auf
Muskelbeschwerden (Stichwort: Fibromyalgie-Syndrom).
- Das idiopathische chronische Müdigkeitssyndrom (Ursache
unbekannt), bei dem aber trotzdem endokrinologische,
toxikologische, sonstige umweltbedingte sowie
autoimmun-organspezifische oder -unspezifische Erkrankungen
diskutiert werden (körpereigene Abwehr geschwächt).
Als äußere Auslöser gelten besonders lang anhaltender Stress
bzw. seelische oder psychosoziale Belastungen, Unfallfolgen (vor
allem Schädel-Hirn-Traumata), schwächende Operationen, verstärkte
Infektneigung (insbesondere Dauerinfekte), aber auch
Überempfindlichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel oder bestimmte
Medikamente. Entscheidend scheint aber kein einzelner
Belastungsfaktor, sondern eher die unglückliche Summierung
bestimmter Beeinträchtigungen zu sein.
Interessant ist die Persönlichkeitsstruktur, die beim
chronischen Müdigkeitssyndrom diskutiert wird (übrigens ähnlich wie
bei der Fibromyalgie, den umweltbezogenen Erkrankungen
(„Öko-Syndrom“) und dem Reizdarm): genau bis übergenau, ja
perfektionistisch (zwanghaft ordnungsliebend), starkes
Gerechtigkeitsgefühl (und hier ein wenig unflexibel?), beflissen bis
ehrgeizig, sozial engagiert, aber auch von geringem Selbstwertgefühl
und nicht selten eher ängstlich und vor allem verletzbar. Auch ist
eine dezente hypochondrische Neigung nicht zu übersehen, manchmal
etwas hysterisch-querulatorisch getönt, meinen die Experten.
Das Beschwerdebild des chronischen Müdigkeitssyndroms ist
deshalb auch sehr breit und vage angelegt: neben der
Dauer-Mattigkeit vor allem Kopf-, Muskel-, und Gelenkschmerzen,
merk- und konzentrationsgestört, reizbar, niedergeschlagen, rasch zu
verunsichern bis ängstlich, Schlafstörungen, Atemenge, ständige
Infektanfälligkeit u. a.
Die Symptome belasten wellenförmig, manchmal „aus heiterem
Himmel“, nicht selten aber auch abhängig von Stress, Wettereinfluss,
Monatsblutung u. a. Und natürlich in einem unseligen Teufelskreis
von Ursache und Folgezuständen (Partnerschaft, Familie,
Nachbarschaft, Freundeskreis, Beruf, Verkehr usw.).
Was kann man tun?
Zuerst eine exakte fachärztliche Abklärung bei jenen Experten,
wo der Schwerpunkt des Leidens liegt. Anschließend eine
ungeschminkte Situationsanalyse (siehe auch das Kapitel zum Thema
„Burnout: erschöpft, verbittert, ausgebrannt“). Danach richtet sich
dann die „Gegenwehr“, die Regeneration und vor allem Vorbeugung.
Grundsätzlich hilfreich sind aber die gerne belächelten,
jedoch entscheidenden Stabilitäts-Säulen: gesunde Lebensweise -
körperliche Aktivität - objektive Innenschau und die Gabe, darüber
auch selbstkritisch diskutieren zu können - notfalls halblaut mit
sich selber, wenn man sonst niemand hat, der einem mal zuhört.