Stand 05.07.2018

Kopf-Unfall und Seelische Folgen


Kopf-Unfall – Schädel-Hirnverletzung – Schädel-Hirntrauma (SHT) –historische Aspekte – Einteilung nach Stadien der traumatischen Hirnschädigung – Akutstadium – Somnolenz – Sopor – Bewusst­losigkeit – Koma – traumatische (symptomatische, organische) Psychosen – apallisches Syndrom – Coma vigile – Locked-in-Syndrom – Remissions-Stadium – seelische Symptome und ihre psychosozialen Konsequenzen – Durchgangs-Syndrom – Stadium des Dauerschadens – kognitive Ausfälle: Verlangsamung, Konzentration, Gedächtnis, logisches Denken, Ausdauer, Sprach- und Wahrnehmungs-Störungen, Bewegungsstörungen – Störungen des Erlebens und Verhaltens: Grundstimmung, Depressionen, Erregbarkeit, Angst, Antriebs-Verminderung oder -Steigerung – zwischenmenschliche Auffälligkeiten – spezielle Aspekte: Partnerschaft, Familie, Beruf etc. – Therapie und Rehabilitation – u.a.m.

Kopf-Unfälle (Fachbegriffe: Schädel-Hirnverletzungen, Schädel-Hirntraumen - SHT, vom griech.: trauma = Verletzung, Wunde) und ihre seelischen und psychosozialen Folgen nehmen zu. Derzeit zwischen 300 und 400 Schädel-Hirn-Verletzte auf 100000 Einwohner pro Jahr in Deutschland (davon ein nicht geringer Teil intensiv-pflegebedürftig). Die Folgen werden - vor allem in ihrem definitiven und damit vollem Ausmaß - häufig unterschätzt. Schäden des Zentralen Nervensystems stehen in Mitteleuropa an erster Stelle der Invaliditäts-Ursachen.


Historische Aspekte

Charakter-Veränderungen nach Verletzung bestimmter Hirn-Anteile wurden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben. Die Erfahrungen vieler Kriege, insbesondere der zwei Weltkriege mit ihren zahlreichen Geschoß- und Splitterverletzungen des Gehirns zwangen dann zur intensiveren Erforschung

Diesen Kriegserfahrungen lagen jedoch vorwiegend offene Hirnverletzungen mit umschriebenen Schäden bestimmter Hirn-Regionen zugrunde. Heute sieht man meist gedeckte Schädel-Hirn-Verletzungen von Unfallopfern mit überwiegend diffusen Schäden der Gehirnsubstanz.


Einteilung nach Stadien

Eine pragmatische Darstellung traumatischer Hirnschäden legt folgende Einteilung nahe: 1. Akutstadium (Stadium der Bewusstseinsstörung), 2. Remissions-(Erholungs-)Stadium und 3. Stadium des Dauerschadens. Im Einzelnen:

Wichtigstes Syndrom (charakteristische Gruppe entsprechender Krankheitszeichen) in dieser Frühphase ist die Störung des Bewusstseins.

Dauer und Ausprägung der Bewusstseinsminderung sind bei gedeckten Schädel-Hirn-Verletzungen der beste klinische Maßstab für die Schwere der Schädigung. Dagegen können offene Schädel-Hirn-Verletzungen, selbst erheblichen Ausmaßes, ohne oder mit nur geringer Bewusstseinsminderung einhergehen.

Klinisch werden verschiedene Formen von Bewusstseinsminderung unterschieden, die durch eine kontinuierliche Abnahme der Vigilanz (Wachheit) gekennzeichnet sind:

Zu den möglichen Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas in dieser Phase zählen

Untersuchung: Ausgeprägte Bewusstseinsminderung wird rasch erkannt, leichtere Grade dagegen häufig nicht. Deshalb auf folgende Untersuchungs-Aspekte achten:

Wichtig: Gerade die Erfassung von leichteren Bewusstseinsstörungen ist von großer Bedeutung (z. B. versicherungsrechtlich!) und beugt der Gefahr einer vorzeitigen Klinik-Entlassung mit nachfolgender Fehleinschätzung der Schwere des Traumas vor.

Die Dauer von Bewusstlosigkeit, Bewusstseinsminderung bzw. von posttraumatischer Amnesie (= anterograde Amnesie: Zeitspanne vom Unfallereignis bis zum Wiedererlangen des Bewusstseins) sind der beste klinische Maßstab für die Beurteilung der Schwere einer gedeckten (also nicht offenen) Hirnschädigung und neben elektrophysiologischen Befunden (z. B. EEG) die wichtigsten Hinweise für den weiteren Heilungsverlauf.

Remission (vom lat.: remissio = zurücksenden, nachlassen) heißt Rückgang seelischer oder körperlicher Krankheitszeichen, jedoch noch keine vollständige Wiederherstellung der Gesundheit (Heilung). So tritt auch das Vollbild der psychischen Ausfälle erst nach Abklingen der Bewusstseins-Minderung nach traumatischem Hirnschaden so richtig zu Tage. Das Beschwerdebild gleicht dem des Dauerschadens (s. u.). Treten keine weiteren Komplikationen auf, so ist eine Besserung zu erwarten. Nach leichteren Schädigungen sieht man teilweise völlige Rückbildungen innerhalb weniger Monate.

Doch bei den meisten schweren Hirnschäden ist eine völlige Restitution (Wiederherstellung) nicht zu erreichen. Die wesentlichsten Verbesserungen sind in den ersten zwei Jahren nach dem Unfall zu erwarten; weitere sind jedoch auch noch über Jahre hinweg möglich.

Die seelischen Symptome und ihre psychosozialen Konsequenzen bilden sich mit Erholung des Gehirns meist spontan zurück, auch im Erwachsenenalter. Problematisch ist allerdings die beeinträchtigte Krankheits-Verarbeitung. Denn nach dem Erwachen aus der Bewusstseins-Minderung findet sich der Betroffene in einer subjektiv völlig veränderten Welt wieder:

Das in der Regel akute Ereignis hat ihn unerwartet getroffen und aus seinem bisherigen Lebensraum herausgerissen. Zurück liegen Wochen oder Monate weitgehender Erinnerungslosigkeit. Selbst hinsichtlich des Unfall-Ereignisses muss er sich auf fremde Informationen verlassen. Viele Fragen drängen sich auf, die zudem noch in fremder Umgebung (in der Regel die Überwachungs-Einheit einer Klinik) zu beantworten sind.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen kommt es hier mitunter zu erheblichen Störungen: Realitäts-Verkennung und -Verleugnung bis hin zur psychotischen Dekompensation usw. Selbst augenscheinliche Unfallfolgen werden erst langsam realisiert, manche bleiben über Monate verborgen (z. B. Geruchsstörung).

Im rein seelischen Bereich kann das noch schwieriger werden und Jahre beanspruchen. Manche Veränderungen (besonders im Verhalten) bleiben der Eigen-Wahrnehmung für immer oder zumindest teilweise unzugänglich. Bisweilen dauert es Jahre, bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat und der bleibende Schaden fassbar wird. Dann ist aus der Krankheit eine Behinderung geworden. Jetzt drohen allseits eingreifende Veränderungen im sozialen Gefüge oder zusätzliche Leiden, die zu weiteren Belastungen führen.

Das Krankheitsbild des Remissions-Stadiums wird auch gerne als „Durchgangs-Syndrom" bezeichnet. Zum einen wird dieser Begriff aber klinisch häufig falsch eingesetzt, zum anderen sollte er genauer erläutert werden:

In vielen Untersuchungen heißt es lediglich: Bewusstseinsklar, voll orientiert, keine formalen oder inhaltlichen Denkstörungen (die bei neurologischen Krankheiten ohnehin kaum zu erwarten sind) und keine „Werkzeugstörungen" (bildhafte Bezeichnung für körperliche Funktionsstörungen, vor allem Sprachstörungen).

Hilfreicher wären dagegen anschauliche Hinweise auf das Verhalten (spontan, im Gespräch, während der Untersuchung) und die geistig-seelischen Kategorien: Bewusstsein, Orientierung, spontaner Antrieb, Anregbarkeit, Stimmung, affektive Resonanz, den mimischen, gestischen und sprachlichen Ausdruck sowie schließlich Aufmerksamkeit, Konzentration, begriffliche Schärfe des Denkens und Merkfähigkeit.

Wichtig ist auch die Biographie des Patienten und seine derzeitige Lebenssituation, was für Kenntnis und Verständnis dieses vielschichtigen Aspektes unentbehrlich ist.


Stadium des Dauerschadens

Das Stadium des Dauerschadens lässt sich in seelischer und psychosozialer Hinsicht wie folgt unterteilen:

Folgenschwere Ausfälle können sich nach entsprechenden Hirnschäden auch im affektiven Bereich (Erleben) und in Verhaltensauffälligkeiten (Antrieb, Sozialverhalten) äußern. Im Einzelnen:

Viele Patienten klagen über Veränderungen ihrer gemütsmäßigen Schwingungsfähigkeit. Sie sind nach dem Unfall „dünnhäutiger“ geworden. Lachen und Weinen sind näher zusammengerückt. Es kommt zu einer so genannten Affekt-(Gemüts-)labilität. Schon bei kleinsten Anlässen (z.B. Musik oder belastende Gespräche) reagieren sie emotional überschießend. Das ist ihnen peinlich und führt nicht selten zu Rückzug und damit Isolationsgefahr. Umgekehrt kann es aber auch zu einer Verminderung der zwischenmenschlichen Schwingungsfähigkeit kommen, so dass die Betroffenen durch eine emotionale Ansprache überhaupt nicht mehr erreichbar sind.

Die Patienten sind zwar krankheitseinsichtig, aber in der jeweiligen Situation völlig unfähig, danach zu handeln. Sie sind oft sehr verletzlich und fühlen sich schnell benachteiligt. Ein falsches oder missverstandenes Wort kann sie rasch, tief und tagelang beschäftigen. Manchmal erwächst daraus auch eine paranoide (wahnhafte), wenn nicht gar querulatorische Fehlentwicklung. Bisweilen zeigt sich eine gewisse Periodizität solcher Überempfindlichkeiten („an manchen Tagen stört mich die Fliege an der Wand").

Veränderungen im zwischenmenschlichen Verhalten sind somit nach Schädel-Hirn-Verletzungen häufig. Sie sind teils organischer Natur, haben aber auch oft psychoreaktive Ursachen. Die Folgen äußern sich entweder in einem Verlust zwischenmenschlicher Schwingungsfähigkeit (s. o.) und/oder in der Schwierigkeit, eine adäquate zwischenmenschliche Distanz zu wahren.

Vor allem dieses Gemisch aus organischen und zwischenmenschlich bedingten psychoreaktiven Faktoren kann eine Reihe schwer fassbarer und scheinbar unvereinbarer Krankheitszeichen nach sich ziehen: resigniert, verzagt, ratlos, hilflos, Minderwertigkeitsgefühle, Angstzustände, Zwänge, Überempfindlichkeit, rasche Kränkbarkeit, Unzufriedenheit, Vorwurfshaltung, Reizbarkeit, Missmut, aufbrausend bis aggressiv, unschlüssig, Schuldgefühle, Beziehungsstörungen, Lebensüberdruss u.a.m.

Besondere psychosoziale Probleme ergeben sich in folgenden Bereichen:


Therapie und Rehabilitation

Im Akut-Stadium geht es vorwiegend um die Erhaltung des Lebens und die Vorbeugung von Folge-Schäden; im Remissions-Stadium um gezielte Diagnose und Therapie, vor allem aber um eine Hilfestellung bei der Krankheitsbewältigung und gesellschaftlichen Reintegration. Im Grunde sollte die Rehabilitation deshalb schon auf der Intensivstation beginnen.

Möglich ist sie durch ein interdisziplinäres Team: Ärzte, Ergotherapeuten, Krankengymnasten, Logopäden, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Psychologen u. a., am besten in neurologischen Rehabilitations-Einrichtungen, und zwar wohnortnah (Angehörige!).

Die Erfolge einer Rehabilitation werden von folgenden Faktoren bestimmt: Intelligenz und körperliche Verfassung vor dem Unfall; berufliche und soziale Situation; Ausmaß und Lokalisation der Hirnschädigung; Lebensalter (bei jungen Unfallopfern günstigere organische Ausgangslage, aber ungünstigerer sozialer Rahmen = öfter keine abgeschlossene Ausbildung und feste Partnerbeziehung); familiäre und soziale Integration; versicherungsrechtliche Absicherung sowie allgemeine soziale Stützung.