Stand 02.05.2018

Burnout

erschöpft – verbittert – ausgebrannt


Begriff –  Geschichte –  Burnout-Ursachen –  Burnout-Beginn –  Burnout-Verlauf –  Endzustand –  seelische Folgen –  psychosoziale Konsequenzen –  Belastung am Arbeitsplatz –  Möglichkeiten und Grenzen der Vorbeugung –  gesunde Lebensführung –  psychosoziale Hilfen –  u. a. m.

Burnout ist zwar in aller Munde, aber neu ist es nicht, im Gegenteil: Altes Testament: „Elias-Müdigkeit“, Johann Wolfgang von Goethe, in der Belletristik Thomas Mann’s Buddenbrooks u. a.

In der Fachpresse gab es schon vor Jahrzehnten Begriffe, die auf ein entsprechendes Beschwerdebild hinwiesen: Betriebsneurose, Helfer-Syndrom, Psychasthenie, Neurasthenie, chronischer nervöser Erschöpfungszustand, Erschöpfungsdepression usw. Bei allen diesen Störungen kommt es zu einem komplizierten Wechselspiel von Persönlichkeitseigenschaften und Umweltfaktoren.

Nach und nach versuchte man das Burnout-Syndrom deshalb etwas genauer zu differenzieren: So sprach man von „echten Ausbrennern“, also den ursprünglich dynamischen und zielstrebigen Männern und Frauen, die an schlechten Bedingungen zugrunde gehen, sich aber letztlich ihren Stress weitgehend selber verschafft haben, vor allem nicht Nein zu sich selber sagen können. Und deshalb von den Experten auch als „Selbstverbrenner“ bezeichnet werden.

Zum anderen die „Verschlissenen“, die wenig durchsetzungsfähig und passiv sind, nicht Nein zu den anderen sagen können und damit tatsächlich die Opfer äußerer Umstände werden.

Und schließlich jene „Kandidaten“, die zwar von der positiven Seite der Burnout-Ursachen Nutzen ziehen, in Wirklichkeit aber überhaupt nie „gebrannt“, geschweige denn "gelodert" haben. Also die bekannten „Trittbrettfahrer“, die sich nur ein edles Selbstbild zimmern, Misserfolge aber auf andere oder ungünstige Bedingungen abladen.

Früher war vor allem von "helfenden Berufen" die Rede. Später von „Menschen, die mit anderen Menschen zu tun haben“. Heute wird niemand mehr ausgespart, das Berufsspektrum erstreckt sich von Anwalt bis Zahnarzt. Ein wichtiger Zusatzfaktor ist die Beschäftigungsdauer: je länger, desto eher. Inzwischen gilt aber auch hier: Zwar gibt es Schwerpunkte, aber möglich ist jede Verlaufsform. Kritisch, und dabei bleibt es bis heute, wird es vor allem dann, wenn zu hohe (d. h. unrealistische) Erwartungen an den Berufserfolg gestellt werden.


Mögliche Burnout-Ursachen

Welche äußeren Burnout-Ursachen werden am häufigsten diskutiert? Dies sind entweder hohe Arbeitsbelastung, schlechte Arbeitsbedingungen, Zeitdruck oder zu großes Pensum in einem zu eng gesteckten Zeitrahmen, schlechtes Betriebsklima, wenig tragfähige Beziehungen zu den MitarbeiterInnen, wachsende Verantwortung, Nacht- und Schichtarbeit, die nicht den chronobiologischen Erkenntnissen angepasst sind, unzulängliche materielle Ausstattung des Arbeitsplatzes, schlechte Kommunikation unter allen Beteiligten (Arbeitgeber, aber auch MitarbeiterInnen untereinander), zu geringe Unterstützung durch den Vorgesetzten, wachsende Komplexität und Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und -zusammenhänge, unzureichender Einfluss auf die Arbeitsorganisation, Hierarchieprobleme, Verwaltungszwänge, Termin- und Zeitnot, unpersönliches, bedrückendes oder intrigenbelastetes Arbeitsklima, vom Mobbing, also dem gezielten Quälen von Mitarbeitern oder Untergebenen ganz zu schweigen („die kleine Gemeinheit zwischendurch“), ständige organisatorische Umstellungen, ohne die Betroffenen in Planung und Entscheidung einzubeziehen, bei Misserfolgen aber verantwortlich zu machen, zunehmende, immer neue und vor allem rasch wechselnde Anforderungen, wachsende Angst vor Arbeitsplatzverlust u.a.m.

Das sind Ursachen, die vor allem mit Beruf und Arbeitsplatz zu tun haben. Immer häufiger irritieren aber sogar die Experten mögliche Ursachen in Partnerschaft, Familie, Nachbarschaft, vermehrt auch in Ausbildung und Studium. Mittel- und Oberschicht scheinen eher betroffen, doch kann sich letztlich niemand sicher wähnen.


Der Beginn einer Burnout-Krise

Der Beginn einer Burnout-Krise erscheint erst einmal positiv: Viele Burnout-Betroffene gelten in der Tat als aktiv, dynamisch, zupackend, ideenreich, engagiert bzw. überengagiert: vermehrter Einsatz, freiwillige Mehrarbeit, (subjektiver) Eindruck der eigenen Unentbehrlichkeit, das Gefühl, eigentlich nie mehr richtig Zeit zu haben, damit wachsende Verleugnung eigener Bedürfnisse. Vielleicht sogar eine heimlich zunehmende Beschränkung zwischenmenschlicher Kontakte.

Nach und nach wird das (Über-)Engagement auch durch eine sich langsam, aber unerbittlich ausbreitende Erschöpfungsphase gleichsam ausgebremst: Jetzt drohen verminderte Belastbarkeit, wachsende Stimmungslabilität und vor allem eine bisher nicht gekannte Erholungsunfähigkeit („komme nicht mehr auf die Füße“). Auch eine sonderbare und vor allem zunehmende Infektanfälligkeit gehört dazu, meist ständige banale Erkältungen und Grippeinfekte. Die Betroffenen werden müde, z. B. im Sinne einer eigenartigen, alles durchdringenden Mattigkeit (wie sie nebenbei das höhere Lebensalter generell kennzeichnet), in Fachkreisen auch als Tagesmüdigkeit oder chronische Müdigkeit bezeichnet.

Am Schluss drohen sogar rasche Erschöpfbarkeit und schließlich regelrechte Kraftlosigkeit. Dazu kommt ein sonderbares Phänomen, nämlich „müde, matt und abgeschlagen“ nach außen, innerlich aber unruhig, nervös und gespannt, mitunter sogar reizbar und gelegentlich aggressiv. So etwas hat man früher treffend als „reizbare Schwäche“ bezeichnet.


Endzustand und Folgen

Das Ganze mündet schließlich in einen Endzustand, der durch Resignation, Entmutigung, verringerte Frustrationstoleranz, leichte Kränkbarkeit, Niedergeschlagenheit, schließlich sogar durch Minderwertigkeits- und Versagensgefühle gekennzeichnet ist. Die Sichtweise der Betroffenen wird schwernehmend, pessimistisch, ja von Negativismus oder Fatalismus geprägt. Man erkennt diese Menschen angesichts ihres früheren Auftretens kaum wieder.

Das hat psychosoziale Folgen: Langsam, aber stetig wird das gesamte Leistungsvermögen regelrecht abgebaut: die Motivation, die Kreativität, die Gedächtnisleistung, d. h. es behindern immer häufiger Merk- und Konzentrationsstörungen, ja regelrechte Vergesslichkeit.

In diese Zeit fallen auch die ersten ernsteren körperlichen Beschwerden ohne nachweisbaren Grund. So kann es nicht ausbleiben, dass sich schließlich auch Partner- oder Eheprobleme, zuletzt allgemeine familiäre Schwierigkeiten dazu gesellen. Jetzt beginnt der Betroffene wie eine Kerze an beiden Seiten abzubrennen. Auch zu Hause gibt es nämlich keine Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten mehr.

Deshalb drohen nicht selten ein wachsender Alkohol-, Nikotin- und Kaffee-Konsum, möglicherweise sogar ungesteuerte, weil verzweifelte und vor allem nicht ärztlich kontrollierte Selbstbehandlungsversuche mit Beruhigungs-, Schmerz- und Schlafmitteln aus fremden und früheren Beständen. Denn der Arzt wird in diesem Stadium kaum hinzugezogen, und wenn, dann unter vorgeschobenen, d. h. im Grunde irrelevanten und damit irreführenden Voraussetzungen bzw. Klagen.


Charakteristische Konsequenzen am Arbeitsplatz

Einige der schwerwiegendsten Konsequenzen aber konzentrieren sich auf den Arbeitsplatz. Natürlich reagiert jeder anders, aber immer wieder zu hören sind folgende Charakteristika:

Desillusionierung, Gefühl von Widerwillen, Ärger, Versagen, ggf. Entmutigung; Gleichgültigkeit; Schuldgefühle; negative Einstellung mit wachsendem Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen; ständiges Auf-die-Uhr-Sehen im Dienst; Fluchtphantasien und Tagträume; Überziehen von Arbeitspausen, verspäteter Arbeitsbeginn, vorverlegter Arbeitsschluss und wachsende Fehlzeiten; Verlust von positiven Gefühlen gegenüber Patienten, Klienten, Schülern, Kunden usw.; deshalb vermehrte Verschiebung von entsprechenden Kontakten; innerer Widerstand gegen Anrufe und Besuchstermine; heimlich einschleichender Dienst nach Vorschrift; Stereotypisierung von Klienten, Patienten u. a. („ist doch immer das gleiche ...“); Unfähigkeit, sich auf die anderen zu konzentrieren, ihnen geduldig zuzuhören; vermehrt tadelnde, negative, reizbare oder gar aggressive Einstellung den anderen gegenüber; Vermeidung von Diskussionen mit Mitarbeitern und Vorgesetzten; immer öfter mit sich selber beschäftigt; zunehmend unbewegliche, ja starre Denkkategorien; misstrauischer Widerstand gegen jegliche Veränderungen im Betrieb, manchmal fast wahnhaft anmutende Reaktionen; damit wachsende Rückzugsneigung und Isolationsgefahr u. a.

Nach außen äußert sich diese verhängnisvolle „Abwehrstrategie“ gegenüber der inzwischen ungeliebten Berufsaufgabe oft darin, dass der Kontakt zu Pati­enten, Kunden, Schülern usw. immer mehr vom menschlichen Aspekt weg­gerückt und zum „Fall“ degradiert wird, zum „Vorgang“, zur „Bearbeitungs-Nummer“ usw. Das Subjekt sinkt zum Objekt herab. Damit erlöscht aber auch die innere Beziehung. Die ursprünglich positiven Gefühle werden ins Negative verkehrt. Es kommt zu einer ungewohnten seelischen Verhärtung und schließ­lich sogar Verflachung des Gemütslebens (bei aber unveränderter oder wachsender Kränkbarkeit für die eigenen Belange).

Und schließlich der für jeden erkennbare Endzustand: Ironie, Sarkasmus und Zynismus.


Burnout - was kann man tun?

Erschöpft sind viele, verbittert ist eine gefährliche Entwicklung, ausgebrannt das Ende. Was kann man dagegen tun bzw. wie kann man eine solche Entwicklung schon im Vorfeld verhindern? Dazu gibt es eindrucksvolle Therapie-Schemata, aber auch wiederum ganz einfache bzw. realitätsgerechte Empfehlungen, die durch ihre Schlichtheit leider wenig beeindrucken und noch weniger zur Nachahmung anregen - zu Lasten der Betroffenen. Aber sie sind wirkungsvoll, wenngleich zuerst „nur hinter dem Komma“, durch beharrliche Konsequenz jedoch gesichert, und wenn es lediglich dem Faktor „Eigen-Initiative“ zugutekommt.

In Stichworten:


Konkrete Überlegungen zur Vermeidung einer Dauer-Erschöp­fung


Gesunde Lebensführung

Jeder sieht es ein, jeder will sie, aber um ihre Realisierung steht es schlecht: die gesunde Lebensführung. Was sollte man aber zumindest beherzigen:

Gesundes Nahrungsverhalten: viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und sich ansonsten an die jedermann bekannten Ernährungsregeln halten.


Psychosoziale Hilfen

So ist es gerade das Leidensbild des Burnout-Syndroms, das die bekannte Mahnung des Philosophen Artur Schopenhauer in Erinnerung hält:

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts...