Stand 27.06.2019

Borderline-Persönlichkeitsstörung


Borderline-Definition – Borderline-Beschwerdebild: unzureichende Gemütskontrolle – Dauer-Verstimmung – Gefühl der Unwirklichkeit und der inneren Leere – hypochondrische Reaktionen – Nähe und Distanz-Probleme – Angst vor dem Verlassenwerden – Wutausbrüche – Beziehungs-Störungen – Scham- und Schuldgefühle – negatives Selbstbild – Flashbacks – Identitätsstörung – Schlafstörungen – selbstschädigende Aktivitäten bis zur Selbstverletzung – Suizid-Absichten – Familien- und Berufsprobleme – zusätzliche seelische Störungen – vielschichtige Ursachen – therapeutische Grenzen – u.a.m.

„Er ist halt ein schwieriger Mensch“, sagen die einen halb entschuldigend. Andere aber empören sich direkter und sprechen von einem „schlechten Charakter“. Und sie meinen nicht nur verstimmt, missgelaunt, mürrisch, sie sprechen von unbeeindruckbarer Selbstgerechtigkeit, Missgunst, Verschlagenheit, Gehässigkeit, Arglist, Heuchelei, Hinterhältigkeit, Intriganz, Bosheit, ja Bösartigkeit, Niedertracht u.a.m. Da schlagen Verzweiflung, Wut und auch eine Neigung zur Abrechnung durch, wenn man solche Kommentare hört. Aber ganz ohne Grund sind sie auch nicht. Irgendwie etwas Belastendes für das Umfeld muss dahinter stehen - und für den Betroffenen natürlich letztlich auch. Diejenigen, die sich ein wenig fachlicher auszudrücken vermögen, ohne allerdings eine konkrete Diagnose nennen zu können, bezeichnen so etwas gerne als Persönlichkeitsstörung. Und damit liegen sie vielleicht gar nicht so sehr daneben.

Doch eine Persönlichkeitsstörung (früher abnorme Persönlichkeit oder Psychopathie genannt) ist die psychiatrische Diagnose für ein konkretes Krankheitsbild. Und hier gibt es ein weites Feld entsprechender Unterteilungen mit unterschiedlichem Belastungs-Schwerpunkt für Patient und Umgebung. Beispiele: Dissoziale Persönlichkeitsstörung, früher soziopathische, psychopathische oder asoziale bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörung genannt. Das hört sich alles sehr bedrohlich an, kann es auch im Einzelfall sein. Doch gibt es auch Persönlichkeitsstörungen, die sich als zwischenmenschlich weniger bedrängend erweisen. Beispiele: zwangshafte, ängstlich-vermeidende, von anderen abhängige, unreife u. a. Persönlichkeitsstörungen. Man könnte darüber hinweggehen, aber sie scheinen zuzunehmen, in unserer Zeit und Gesellschaft, die Persönlichkeitsstörungen.

Dazu gehören vor allem die so genannten emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen, die zum impulsiven, reizbar-explosiblen und damit auch aggressiven Typus gehören. Und die emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typus, die Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

Borderline-Betroffene gab es schon immer. Aber jetzt nehmen sie zu oder es wird ihnen vermehrt Beachtung geschenkt. Wahrscheinlich stimmt beides. Was auf jeden Fall zutrifft, dass sie eine der größten Belastungen sind, die man sich zwischenmenschlich vorstellen kann. Wer einen Menschen mit Borderline-Störung zu ertragen hat, ist nicht zu beneiden, der Betroffene selber aber auch nicht: gemütslabil, impulsiv, dauerhaftes Gefühl innerer Leere, unangemessene Wutausbrüche, Gefahr selbstschädigenden Verhaltens (finanziell, sexuell, Verkehr, „Fressanfälle“ mit Gewichts-Extremen, Missbrauch und Abhängigkeit von Genussmitteln, Rauschdrogen, Medikamenten u. a.). Zwischenmenschlich belastend bis chaotisch: wahnhafte Reaktionen, Neigung zu (un-)bewusster Selbstverletzung, Selbstmorddrohungen und Suizidversuche usw. Im Einzelnen:


Definition

Borderline - klassifikatorisches Grenzland zwischen „Neurose“ und Psychose, deshalb früher auch als psychose-nahe Neurose bezeichnet. Lange umstritten, inzwischen aber weitgehend anerkannt, was Diagnose und Klassifikation anbelangt. Kontrovers diskutiert werden noch Häufigkeit, Ursachen, Verlauf, Heilungsaussichten u. a.


Das Leidensbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Das Beschwerdebild eines Borderline-Patienten ist - wie erwähnt - auch oft das Leidensbild seiner Umgebung. Das darf ruhig einmal so ausgedrückt werden, auch wenn es die Kranken selber durchaus anders sehen. Auch hat natürlich jeder Betroffene „sein eigenes Beschwerdebild“. Vereinfacht gesprochen gibt es auch zwei „Grund-Typen“: Die einen leben ihre Beschwerden (vor allem aggressiv getönt) eher nach außen aus, während sie die anderen mehr gegen sich selber richten. Doch auch hier gibt es Überschneidungen, die möglicherweise sogar den größeren Teil ausmachen.


Was belastet nun Patient (und Umfeld) am meisten?

- An erster Stelle steht die unzureichende Kontrolle der Gemütsregungen. Die Reizschwelle ist niedrig, das Erregungsniveau ausgesprochen hoch. Nur verzögert erreichen sie auch wieder das emotionale Ausgangsniveau.

In der Fachsprache nennt man das eine „schwere episodische Dysphorie“, d. h. eine Miss-Stimmung, konkret eine unselige Kombination aus Angst, Deprimiertheit, leichter Erregbarkeit, ja Wut oder Hass auf andere bzw. sich selber. Diese Verstimmungen pflegen in der Regel einige Stunden, selten länger als einige Tage anzuhalten.

- Neben diesen eher explosionsartig hochgehenden Miss-Stimmungen gibt es auch eine dysphorische Grundstimmung, also eine zumindest langwierige bis Dauer-Verstimmung. Sie kann sich bis zu allseits belastenden Perioden von Wut, Angst oder Verzweiflung aufschaukeln. Bisweilen finden sich auch Phasen gehobener Stimmung, von Wohlbefinden oder Zufriedenheit (leider nur selten).

- Diese unterschiedlichen, für Außenstehende kaum verstehbaren und in Einklang zu bringenden Gefühle werden aber von Borderline-Patienten oft gar nicht konkret wahrgenommen. Meist werden sie als eher diffuse, d. h. verschwommene, dafür aber trotzdem äußerst quälende Spannungszustände erlebt, die „einfach kommen und gehen“, ohne dass man darauf einen nachhaltigen Einfluss ausüben kann.

- Mitunter werden sie aber auch so stark, dass daraus ein irritierendes bis bedrohliches Gefühl der Unwirklichkeit entsteht. Die Fachbegriffe lauten: Depersonalisation („ich bin nicht mehr ich selber“) oder Derealisation („alles so unwirklich, eigenartig, sonderbar um mich herum“). Dabei können sogar die Sinnesorgane (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen) beeinträchtigt werden, bis hin zu einer gestörten Umwelt-Wahrnehmung oder gar Schmerz-Empfindung (s. u.).

- Weit beeinträchtigender als (früher) angenommen ist auch das chronische Gefühl von (innerer) Leere. Es äußert sich meist darin, leicht und schnell gelangweilt zu sein. Und damit ständig auf der Suche sein müssen, etwas zu tun, bis hin zu hektischer Betriebsamkeit (vor allem wenn noch zu der Borderline-Persönlichkeitsstörung eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit Schwerpunkt auf der hyperaktiven Seite belastet - siehe diese).

- Häufig sind auch hypochondrische Reaktionen, also sachlich nicht begründbare ängstliche Befürchtungen oder Vermutungen, krank zu sein oder krank zu werden. Diese abnorme seelische Einstellung zum eigenen Leib und seinen Gefährdungsmöglichkeiten führt zu ausgeprägten bis exzessiven Selbstbeobachtungen des Körpers bzw. seiner Organfunktionen. So suchen die Betroffenen beharrlich und sorgenvoll nach Krankheitszeichen, die ihre Verdachtsmomente beweisen sollen. Und da sie nichts finden, und auch die Ärzte nichts, führt dies paradoxerweise nicht zur Beruhigung, sondern zu einer ständigen und sämtliche Kräfte und Reserven aufbrauchenden Anspannung („nichts finden heißt schlimmer als erwartet“).

- Eines der auffälligsten Verhaltensmuster im zwischenmenschlichen Bereich ist die Schwierigkeit von Borderline-Patienten, das Problem von Nähe und Distanz komplikationslos zu regeln. Dieses typische Borderline-Phänomen ist in verdünnter Form auch für manche seelisch gesunde Menschen mitunter eine ständige „Korrektur-Aufgabe“, wenn nicht gar Belastung. Sie ist aber überwindbar, steuerbar, greift nicht behindernd in den Alltag ein. Anders bei Borderline-Betroffenen. Dort führt es zu einer intensiven Angst vor dem Alleinsein (obgleich sie es selber sind, die befriedigende und insbesondere langfristige Kontakte auf Dauer unmöglich machen). Und damit zur ständigen Auslösung von Beziehungsstörungen im zwischenmenschlichen Bereich (s. u.).

- Dabei bemühen sich Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung geradezu verzweifelt darum, ein tatsächliches oder ängstlich erwartetes Verlassenwerden zu vermeiden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie oft vorübergehende Abwesenheit wichtiger Bezugspersonen mit offenkundiger Verlassenheit verwechseln. Denn eine Trennung oder Zurückweisung oder der Verlust gewohnter zwischenmenschlicher Beziehungen bedroht sie mit einer grundlegenden Veränderung ihres Selbstbildes (was bin ich), der Affekte (Gemütsregungen), des Denkens und gesamten Verhaltens. Letzteres kann dann auch in einer sich gleichsam „selbst erfüllenden Prophezeiung“ die entsprechende Befürchtung zur Realität werden lassen. Dies vor allem dann, wenn der Partner oder andere nahe stehende Personen eine solche dauerhafte, insbesondere aber schwer kalkulierbare furcht-gesteuerte Spannung nicht mehr aushalten; von Frustrationen, Demütigungen, Kränkungen oder regelrechten Attacken durch Borderline-Betroffene ganz zu schweigen.

- Denn diese borderline-typische Über-Sensibilität (krankhaft ausgeprägte Empfindlichkeit) bzw. Über-Ängstlichkeit vor dem Verlassenwerden äußert sich nicht nur in den erwähnten Reaktionen, sie kann sich bis zu unangemessener Wut steigern. Und damit „alles zertrümmern“, selbst wenn nur eine nachvollziehbare, zeitlich begrenzte Trennung oder unvermeidbare Änderung von Plänen ansteht. Beispiele: Verspätung, Verabredung absagen müssen, ja sogar das nahende Ende der Therapie-Stunde beim Psychotherapeuten.

- Deshalb versuchen diese Patienten einerseits wichtige Bezugspersonen dauerhaft an sich zu binden. Andererseits können sie aber auch die dann drohende Nähe, ja Geborgenheit nur wiederum mit zwiespältigen Empfindungen ertragen, bis hin zu erneuten Angst- oder zumindest Scham-Gefühlen, auch schuldhaft getönt.

Das geht u. a. darauf zurück, dass dieses „Verlassen-Werden“ für sie bedeutet „unwert“ oder gar „böse“ zu sein. Auf jeden Fall stehen diese Ängste im Zusammenhang mit der Unfähigkeit, alleine, mit sich selber oder gar sich selber überlassen bleiben zu können.

- Die Folge sind langwierige schwierige Beziehungen mit häufigen Trennungen und Wiederannäherungen („Beziehungs-Karussell“: „Borderline-Patienten demütigen die Personen, die sie lieben“). Für Nichteingeweihte, Ahnungslose, Außenstehende wirken solche „Manöver“ deshalb nicht nur unerklärlich bis unfassbar, sondern auch „gezielt manipulierend“. Und damit grob, herzlos, „eiskalt“, auf jeden Fall egoistisch bis täuschend. Eine folgenreiche Fehleinschätzung, aber welcher Nicht-Fachmann kann die „Borderline-Seele auch nur halbwegs verstehen“ (Zitat).

- Ein Problem bzw. eine mögliche Ursache solcher „emotionaler Wechselduschen“ ist auch eine ausgeprägte Impulsivität, die von den Betroffenen nur selten rechtzeitig korrigiert oder wenigstens kanalisiert werden kann. Deshalb können sie auch nicht „aus Erfahrung klug werden“, wie man ihnen gerne und oft genug vorwirft.

- So manches vermeidbare Unheil vermag auch noch ein anderer, schwer zu beschreibender Aspekt auszulösen: Gemeint ist die borderline-typische Art, selbst alltägliche Kommunikations-Signale wie Mimik, Gesten, sprachliche Betonungen u. a. fast krankhaft furchtsam auf ihren heimlichen Aussagewert abzutasten; d. h. gleichsam permanent die „Signalwirkung“ solcher Faktoren „nervös“ zu analysieren, was mögliche Angriffe oder feindselige Verhaltensweisen anbelangt. Damit fühlt sich die andere Seite natürlich ständig einer kritischen Beobachtung ausgesetzt, was sie erstens weder beabsichtigt, noch zweitens - und das ist das Entscheidende - auf Dauer erträgt.

Dies geht übrigens nicht nur den Laien so, es betrifft sogar Fachleute wie psychotherapeutisch tätige Psychologen, Psychiater und Nervenärzte. Selbst die fühlen sich dann - wenn sie nicht entsprechend ausgebildet und supervidiert (von Fachkollegen kontrollierend geleitet) werden -, rasch überfordert und schwanken zwischen übermäßiger Sorge und wachsender bis schließlich schroffer Ablehnung. Eine nicht geringe Zahl von Psychotherapien wird deshalb vorzeitig abgebrochen, auch wenn man darüber wenig spricht. Denn das Ende solcher Beziehungen ist dann gar nicht so selten auch durch selbst-verletzendes oder suizidales Verhalten geprägt (siehe später), was die Gesamt-Situation noch weiter dramatisiert.

- So sind die Beziehungen - wie erwähnt - nicht nur (über-) intensiv, sondern auch instabil. Borderline-Patienten neigen dazu, mögliche Bezugspersonen, vom Partner bis zum guten Bekannten, schon sehr früh, d. h. bei der ersten oder zweiten Begegnung gerne zu idealisieren, also zu einem Idealbild, dem Inbegriff der vorbildlichen Vollkommenheit zu erheben. Aber

- eine solche Verklärung ist für den anderen zumeist nicht einfach, schon gar kein Vorteil, im Gegenteil. Sie kostet nicht nur viel Zeit und Kraft und belastet schon früh und intensiv mit intimen Einzelheiten. Sie kann auch plötzlich kippen: Von der Idealisierung zur Entwertung, wenn der Borderline-Patient meint, der andere sei nicht genügend für ihn da, gebe nicht genug, würde sich nicht ausreichend um ihn kümmern, vielleicht gar verlassen wollen: das in den Augen diese Menschen schon erwähnte „feindselige“ Verhalten.

Ja, Borderline-Patienten können durchaus einfühlsam und fürsorglich sein, jedoch nur in der Erwartung, dass der andere ihnen dann auch zur Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse regelrecht zur Verfügung steht - und zwar dauerhaft, was nur ein „starkes Nervenkostüm aushält“ (Zitat).

- So neigen die Betroffenen zu plötzlichen und dramatischen Änderungen ihrer Sichtweise von ihren Mitmenschen, die - je nach jeweiliger Einschätzung - einmal als wohltätig unterstützend, dann wieder als grausam bestrafend erlebt werden (meist ohne reale Ursache, vor allem dass sich die Betreffenden dieser vom Patienten unterstellten Hoch- und Tief-Bewertung bewusst sind).

- Der Grund ist eine komplizierte innerseelische Störung (Fachausdruck: „frühe Störung“, d. h. schon in den ersten Lebensmonaten belastend). Dabei bleiben „gute“ und „böse“ Aspekte zwischen der eigenen Person und den Beziehungspersonen gleichsam unverbunden nebeneinander bestehen. So erlebt sich der Patient ständig schwankend zwischen gut und böse und spaltet auch seine zwischenmenschlichen Beziehungen in gute und böse auf, ohne zu brauchbaren Integrationslösungen zu kommen (Stichwort: Schwarz-weiß-Malerei).

- Hier wird dann auch deutlich, warum Borderline-Patienten häufig so unangemessen heftig reagieren und vor allem Schwierigkeiten haben, ihre Wutanfälle zu kontrollieren. Und warum sie zu verbalen Attacken neigen, von der anhaltenden Verbitterung bis zum extremen Sarkasmus. Denn diese Wut bricht häufig dann aus, wenn eine Bezugsperson oder ein Partner als vernachlässigend, verweigernd, nicht fürsorglich oder gar als zurückweisend erlebt wird - erlebt, wohlgemerkt, nicht wirklich vom Betreffenden angestrebt oder gar praktiziert.

- Nach den explosiblen Zorn-Reaktionen, aber auch sonst fast durchgängig, zumindest unterschwellig belastend, können auch Scham- und Schuldgefühle folgen, was ihrerseits das Gefühl verstärkt, ein schlechter Mensch zu sein.

- Das hängt vor allem mit dem negativen Selbstbild dieser Patienten zusammen, das bis zur gnadenlosen Selbstverachtung, ja Verdammungswürdigkeit gehen kann: „ich mache alles falsch“, „ich bin ein Versager“, „ich bin halt böse“, „als Partner, Freund, Mitarbeiter, Vorgesetzter u. a. bin ich einfach inakzeptabel“, „eigentlich wäre es besser, ich wäre gar nicht da“ usw.

- Angesichts dieser Grundstimmung und vor allem unter solch starken Reaktions-Ausschlägen können vorübergehend auch so genannte Störungen der senso-motorischen Integration auftreten. Das äußert sich subjektiv als Verzerrung des Raum-Zeit-Gefühls, als Fremdheit oder gar Verlust der Kontrolle über die Realität. Dann drohen sogar dissoziative Symptome, z. B. die erwähnte Depersonalisation (bin ich noch ich selber?) oder Derealisation (alles so sonderbar, komisch, weit entfernt u. ä. um mich herum). Und hier sind gelegentlich sogar paranoide (wahnhafte) Vorstellungen möglich.

- Dazu kommen häufig „Flashbacks“, d. h. ein szenisches Wiedererleben traumatisierender (seelisch verwundender) Ereignisse. Sie werden zwar der Vergangenheit zugeordnet, gemütsmäßig jedoch immer wieder als gerade wirklich erlebt. Auch das kann mitunter als psychotische Reaktion fehl-diagnostiziert werden.

Doch alle diese Phänomene sind von geringem Ausmaß und kurzer Dauer (nämlich Minuten oder höchstens Stunden) und rechtfertigen deshalb keine entsprechende Diagnose in Richtung wahnhafte Störung oder gar Schizophrenie. Solche Symptome gehen übrigens auch rasch wieder zurück, wenn sich das Verhältnis zur Bezugsperson oder im Rahmen der sich zuspitzenden Situation normalisiert.

- Ein häufiges Problem der Borderline-Patienten ist - wie schon mehrfach erwähnt - ihre Identitätsstörung, charakterisiert durch ein ausgeprägtes und andauernd instabiles Selbstbild oder eine instabile Selbstwahrnehmung.

- In diesem Selbstbild (wer oder was bin ich?) irritieren nun plötzlich dramatische Wechsel. Sie äußern sich in Veränderungen von Zielsetzungen und Wertvorstellungen oder konkret: meist Partner- und Berufswünschen.

So drohen unvermutet und für alle nicht nachvollziehbar Meinungs- und Planungs-Änderungen hinsichtlich Berufsweg und Karriereplanung, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Hobbys, wenn nicht gar zu Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung bis hin zur verunsicherten Geschlechts-Identität. Kurz: des gesamten Grundmusters ethischer, moralischer, sozialer und sogar biologischer Werte sowie Positionen.

- Was die Wesensart, zumindest aber das persönliche Auftreten anbelangt, so ist ebenfalls mit plötzlichen, ggf. schockierenden Veränderungen zu rechnen. So wechseln die Betreffenden unvermittelt von der Rolle eines bedürftigen, hilfesuchenden Bittstellers in die eines hochnäsigen Richters oder gnadenlosen Rächers. Manchmal aber verblasst dieses Selbstbild auch bis hin zu dem Gefühl, überhaupt nicht zu existieren.

- Das alles bleibt nicht ohne psychosoziale Folgen, insbesondere was den Leistungsbereich anbelangt. Borderline-Patienten sind von Begabung, geistigem und körperlichem Zuschnitt her nicht schlechter gestellt als andere Menschen, doch ihre Leistung lässt auf Dauer zu wünschen übrig. Dies vor allem unter unstrukturierten Arbeits- oder Lernbedingungen, wen wundert’s.

- Dazu tragen auch destabilisierende Befindlichkeitsstörungen und psychosomatisch interpretierbare Beschwerden bei (heute Somatisierungsstörungen oder gar somatoforme Störungen genannt), nicht zuletzt ausgeprägte Ein- und Durchschlafstörungen mit Albträumen.

- Besonders problematisch ist die bereits erwähnte Impulsivität mit potentiell selbstschädigenden Aktivitäten. Das reicht von der krankhaften Nahrungsaufnahme (z. B. Fress-Brech-Anfälle) über unverantwortliche Geldausgaben (Glücksspiele, Genussmittel), risikoreiches hetero- und homosexuelles Verhalten bis zu rücksichtslosem Fahrstil, zu Nikotin-, Alkohol-, Medikamenten- oder Rauschdrogen-Missbrauch oder gar -Abhängigkeit. Und den das gesamte Umfeld irritierenden leichteren bis z. T. folgenschweren Selbstverletzungen.

- Gerade diese mitunter drastischen Selbstverletzungen wie Aufkratzen, Beißen, Schneiden, Schlagen, Brennen, Verätzen usw. sind bei etwa 85 % der Borderline-Patienten zumindest während einiger Zeitabschnitte und in unterschiedlicher Intensität zu beobachten. Etwa die Hälfte berichtet dabei, dass dies bereits im Grundschulalter begonnen hätte.

Das wichtigste Motiv solcher Selbstverletzungen ist die Absicht, unerträgliche Spannungszustände, ja heftige negative Emotionen (Gefühlswallungen) mit offenem Selbsthass und einem regelrechten „Gefühlschaos“ abzubauen. Auch das abnorme Gefühl des „sich nicht mehr Spürens“ soll durch diese Selbstverletzungen wieder „reguliert“ werden.

Die meisten Betroffenen sind übrigens während dieser Phasen weitgehend unempfindlich gegen Schmerzen. Etwa jeder Fünfte schneidet sich trotz oder wegen intensiver Schmerzempfindung. Manche behaupten, während dieser Zustände „neben sich zu stehen“ oder als „unbeteiligte Dritte diesem Gemetzel zuzuschauen“. Andere erfahren durch die Selbstverletzung sogar „Kicks“, also inhaltslose Glücksgefühle, ja eine Verbesserung der geistigen Aktivität und Leistungsfähigkeit. Dies alles führt dann dazu, dass Selbstverletzungen sogar vorbeugend eingesetzt werden, um drohend aufkommende Miss-Stimmungen oder Gefühls-Tiefs abzufangen.

- Da ist der Schritt zu erst diffusen, später immer konkreteren Suizid-Absichten nicht mehr weit. Tatsächlich leiden Borderline-Patienten unter Selbstmordgedanken und erschrecken mit Selbstmorddrohungen und -versuchen ihr hilfloses Umfeld – und zwar immer wieder.

Die Gründe sind vielgestaltig. Oft gehen ihnen subjektiv schmerzlich empfundene Erlebnisse drohender Trennung oder Zurückweisung voraus. Oder aber die Erwartung, mehr Eigenverantwortung übernehmen zu müssen. Auch im Rahmen dissoziativer Erfahrungen (siehe Depersonalisation oder Derealisation) ist vermehrt damit zu rechnen.

Für das ahnungslose bzw. nicht informierte Umfeld unfassbar haben aber sowohl Selbstbeschädigungen als auch Suizidversuche bei Borderline-Patienten oft ein Gefühl von Entlastung zur Folge, ob sie sich nun durch diese Fähigkeit bestätigt fühlen oder für das Gefühl von Schlechtsein zu büßen meinen.

Tragischerweise gehen bei 5 bis 10 % (Durchschnitt: 8 %) aller Borderline-Patienten diese suizidalen Neigungen und schließlich Zwänge tödlich aus. Als Risikofaktoren gelten vor allem impulsive Wesensart bzw. Handlungsmuster, höheres Lebensalter, frühkindlicher Missbrauch und eine zusätzliche Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Auch Selbstverletzungen gelten als bahnend. Eine um ein mehrfaches erhöhte Suizidgefahr droht bei zusätzlichen Depressionen sowie bei Alkoholabhängigkeit.


Was fällt bei Borderline-Patienten sonst noch auf?

Was den Experten geläufig ist, aber den Betroffenen im Umfeld von Borderline-Patienten erst langsam klar wird, sind folgende Charakteristika, die hier noch einmal zusammengefasst werden sollen:

- Borderline-Patienten neigen in genau jenem Zeitpunkt dazu, sich aus dem normalen Ablauf herauszunehmen (treffend mit dem Begriff umschrieben: ihren normalen Lebenslauf zu untergraben), wenn ein Ziel gerade verwirklicht werden könnte. Beispiele: Schulabgang kurz vor Abschluss; Abbruch einer Beziehung, wenn sich abzeichnet, dass sie von Dauer sein könnte; schwere Regression (Rückschritt) in der Behandlung, wenn sich gerade gute Therapiefortschritte andeuten u. a.

- Einige Patienten entwickeln in Zeiten starker Belastung fast schon psychose-ähnliche Symptome, z. B. (Pseudo-)Halluzinationen (Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen), Verzerrung des Körperbildes, Beziehungsideen, hypnagoge Phänomene (z. B. Halb-Schlafbilder wie Versinken oder Eintreten in eine dunkle Umgebung) usw.

- Nicht wenige fühlen sich u. U. sicherer im Kontakt mit so genannten Übergangs-Objekten, d. h. mit einem Haustier oder leblosem Eigentum, als in zwischenmenschlichen Beziehungen.

- Ein großes Problem mit erhöhter Suizidgefahr sind - wie erwähnt - Borderline-Störungen sowie zusätzlich affektive Leiden wie Depressionen, Angststörungen oder sogar manische Hochstimmungen bzw. süchtige Entgleisungen (Alkohol, Medikamente, Rauschdrogen). Körperliche Behinderungen hingegen sind eher die Folgen selbstschädigender Verhaltensweisen (z. B. Schneiden, Schlagen, Brennen, Verätzen - s. o.) oder überlebter Selbstmordversuche.

- Häufig sind ständige Ausbildungs-Unterbrechungen, wiederholter Stellenverlust, gescheiterte Partnerschaften oder Ehen usw.

- Und nochmals: Borderline-Persönlichkeitsstörungen können, aber müssen nicht alleine auftreten. Nicht selten sind sie verknüpft mit weiteren seelischen Störungen (Fachbegriff: Ko-Morbidität).

Beispiele: Depressionen, Suchterkrankungen, Ess-Störungen (besonders Bulimie), Posttraumatischen Belastungsstörungen und andere Persönlichkeitsstörungen.

Ein nicht gerade neues, aber in letzter Zeit zunehmendes Problem ist die Kombination aus Borderline- sowie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Dieses schon vor 150 Jahren beschriebene Phänomen („Zappelphilipp, Hans-guck-in-die-Luft, Suppenkasper, Der böse Friederich“), ein biologisches (und meist vererbtes) Leiden, spielt natürlich nicht nur in jungen Jahren, sondern auch im Erwachsenenalter eine zunehmend verhängnisvolle Rolle, vor allem in obiger Kombination.

Ein besonderes Problem ist die Ko-Morbidität von Borderline-Syndrom und Antisozialer Persönlichkeitsstörung. Hier entwickelt sich insbesondere das männliche Geschlecht risikoreich bis gefährlich. Denn dessen fremd-aggressive Impulshandlungen richten sich vor allem auf nahe Bezugspersonen, insbesondere den Intimpartner. Die daraus resultierenden Gewalttaten mit Körperverletzung sind ernst zu nehmen.


Was liegt einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zugrunde?

Wer diesen Ausführungen bisher gefolgt ist, kann sich bei einem so komplexen Beschwerdebild nur eine mehrschichtige Entstehungsweise vorstellen. Das ist auch der Eindruck, den die meisten Wissenschaftler heute gewonnen haben, obgleich immer neue Erkenntnisse diagnostisch und therapeutisch weiterbringen.

Die Ursachen sind also mehrschichtig. Sie setzen sich zusammen aus Erbanlage (einschließlich der sich inzwischen abzeichnenden Veränderungen von Gehirnstruktur und -funktion), partnerschaftlichen, familiären, nachbarschaftlichen, beruflichen u. a. Einflüssen sowie den Konsequenzen des belastenden Verhaltensmusters bzw. die sich daraus ergebenden zwischenmenschlichen Probleme als folgenreiche Wechselwirkung. Und dies zu Lasten des Umfelds, am meisten aber des Betroffenen selber.

An biographisch bedeutsamen psychosozialen Belastungsfaktoren ergeben sich aus den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem eine sexuelle Gewalterfahrung (fast zwei Drittel aller ärztlich/psychologisch erfassten(!) Borderline-Patienten, vor allem weiblichen Geschlechts), körperliche Gewalt (rund ebenfalls so viele), schwere Vernachlässigung (etwa 4 von 10 Betroffenen) sowie eine feindselige Atmosphäre zu Hause und der frühe Verlust oder die Trennung von den Eltern.

Bei der sexuellen Gewalt handelt es sich zum Teil um sehr frühe, langwierige Traumatisierungen (seelische Verwundungen), und zwar am ehesten in der eigenen Familie.

Damit erklären sich dann auch die schwer durchschaubare Wesensart, so manche unverständliche Reaktionen, die selbst das Umfeld in Mitleidenschaft zu ziehen pflegen, die Schwierigkeiten einer rechtzeitigen und treffenden Diagnose und die Probleme, die sich den Psychiatern und Psychotherapeuten stellen, wenn sie sich um eine erfolgreiche Behandlung bemühen.